Dirk van der Niepoort in Neustadt an der Weinstraße (Foto: www.kgp.de)

„Weniger ist mehr“

Dirk van der Niepoort über Philosophie, Prinzipien und Projekte

– Weine & Winzer

Am Vortag der Weinfachmesse “Véritable”über die Kollegin Janine hier schon berichtet hat – gab es in Neustadt an der Weinstraße noch einen besonderen Leckerbissen für Weininteressierte: Im Saalbau der “heimlichen Weinhauptstadt Deutschlands” hielt der portugiesische Spitzenwinzer Dirk van der Niepoort einen Vortrag, zu dem die Pfalzwein-Werbung eingeladen hatte. Fast zwei Stunden sprach der umtriebige Querdenker über den Weinbau in Portugal, Port- und Tischweine, seinen Werdegang und seine Weinphilosophie.

Dirk van der Niepoort bei seinem Vortrag in Neustadt an der Weinstraße (Foto: www.kgp.de)
Dirk van der Niepoort plauderte in Neustadt an der Weinstraße entspannt über seine Weine, seinen Werdegang und seine Philosophie. (Foto: www.kgp.de)

Niepoort (Jahrgang 1964) trat 1987 als fünfte Generation in das 1842 gegründete Familienunternehmen ein. Zuvor hatte er in der Schweiz studiert und in Kalifornien gearbeitet. Als er sich dann entschlossen hatte, nach Portugal zurückzukehren, fragte ihn – wie er erzählte – ein amerikanischer Freund: “Und – wirst du Weine machen?” Niepoort antwortete: “Ja, sicher werde ich Portwein machen.” Doch der Freund erwiderte: “Nein, ich meine: Wirst du Rotwein machen?” Niepoort bejahte, vermutlich werde er das. “Was wirst du für Rotweine machen?”, beharrte der Freund. Niepoort entgegnete, sein erster Rotwein werde wahrscheinlich ein Monster werden – feine Weine werde er vielleicht in 25 Jahren erzeugen können. “Aber wieso machst du nicht jetzt schon feine Weine?”, wollte der Freund wissen. Niepoort offenbarte ihm: “Ich weiß gar nicht, was feine Weine sind, ich verstehe sie nicht und weiß auch nicht, wie man feine Weine herstellt.” Er kannte bis dahin im Wesentlichen die breiten, wuchtigen amerikanischen Weine. Erst jetzt, 30 Jahre später, fange man in Portugal allmählich an, feine Weine zu keltern, erklärte Niepoort in seinem Vortrag.

Der erste Wein – drei Generationen

1990 produzierte er seinen ersten eigenen Rotwein aus eigenen Lagen – fünf Fässer, insgesamt 2.500 Liter. Während dieser im Keller reifte, fuhr der Jungverheiratete mit seiner Frau in die Flitterwochen – und erhielt dort nach einigen Tagen einen Anruf von seinem Vater. “Dein Wein ist schlecht! Der stinkt”, eröffnete ihm der alte Herr. Niepoort hielt telefonisch Rücksprache mit seinem Kellermeister, der ihm mitteilte: “Dein Wein ist völlig okay – der macht gerade den biologischen Säureabbau durch; alles in Ordnung.” Als Niepoort von seiner Hochzeitsreise zurückkehrte, stellte er jedoch fest, dass sein Vater vier der fünf Fässer seines Weins dem Personal zum Trinken gegeben hatte, weil er von dessen Qualität nicht überzeugt war. Das letzte Fass konnte er retten und stellte den Wein Kollegen vor – die ihn aber ebenfalls gnadenlos verrissen.

Niepoort-Weinverkostung in Neustadt an der Weinstraße (Foto: www.kgp.de)
Einstimmung auf den Vortrag mit einer kleinen Weinverkostung für Fachbesucher. (Foto: www.kgp.de)

Niepoort selbst glaubte jedoch weiterhin an seinen Erstlingswein und beschloss daraufhin, ihn bis zum 18. Geburtstag seines Sohnes aufzubewahren. Er wollte ihn seinem Sohn zur Volljährigkeit schenken und diesen dann entscheiden lassen, was er mit dem Wein machen wolle. 2008 wurden die Flaschen schließlich geöffnet – und der Wein erwies sich als großer Genuss.

Vorbilder, Fehler und Selbstverständnis

Auf den ersten Blick wirkt Dirk van der Niepoort bedächtig, ruhig und zurückhaltend, beinahe unscheinbar. Doch in ihm steckt jede Menge Energie, die deutlich wird, wenn er über seine Weine, seine Projekte und seine Überzeugungen spricht. Trotz vieler Auseinandersetzungen nennt er seinen Vater Rolf als eines seiner wichtigsten Vorbilder, ebenso wie die italienischen Kultwinzer Angelo Gaja und Elio Altare – beide wie er Pioniere und Revolutionäre in ihrem Gebiet. “Mein Vater hat mich gewissermaßen von einem Boot aus ins Wasser geworfen und ist dann weitergefahren”, so Niepoort. “Mir blieb nichts anderes übrig, als schwimmen zu lernen. Und ich habe es gelernt!”

Sich als Weinmacher oder Önologe zu bezeichnen, lehnt er ab. “Das ist eine Themaverfehlung”, meint er. Kellermeister sei die richtige Bezeichnung, denn er mache die Weine nicht, die Natur mache sie. Er wache lediglich im Keller darüber. “Man muss das Terroir viel mehr respektieren als den so genannten Weinmacher. Jeder Winzer muss für sich versuchen, das, was die Natur uns gibt, zu interpretieren”, erläutert Niepoort. Er habe das, was er jetzt könne, durch Intuition, durch die Familie und viel Zeit gelernt. “Mein Lernen ist das Machen”, macht er deutlich. Deshalb hat er inzwischen auch so viele Weine im Sortiment: Je mehr er mache und ausprobiere, desto mehr lerne er – und auch aus den Fehlern anderer, etwa seiner Vorbilder, ziehe er seine Lehren.

Erfolgsgeheimnis und Leidenschaften

Niepoort Tawny Colheita 2000 (Foto: www.kgp.de)
Mit Portwein fing alles an; heute ist Niepoort auch führend bei Tischweinen aus Portugal. (Foto: www.kgp.de)

2002 brachte Niepoort den ersten Jahrgang seines Rotwein-Bestsellers “Fabelhaft” auf den Markt. Dieser Wein sollte nicht modern im Sinne von fruchtig, dunkel, alkoholisch und holzig sein, sondern frisch mit maximal 15 Prozent Holzeinsatz und einfach Spaß machen. Auf dem Etikett sollten nur der Name und die Herkunft stehen: Fabelhaft, Douro, Portugal. Damals erklärte man Niepoort für verrückt – ein portugiesischer Rotwein, dessen Stil dem Zeitgeist zuwider lief und der einen deutschen Namen hatte! Doch die ersten 20 Paletten Fabelhaft Tinto waren beim deutschen Importeur bereits ausverkauft, bevor sie überhaupt ausgeliefert waren, und innerhalb von nur sechs Wochen wurden 60.000 Flaschen verkauft. Seitdem ist die Erfolgsstory ungebrochen.

“Ich glaube nicht an Glück. Glück ist Arbeit”, sagt Niepoort. “Ich glaube an die Individualität und daran, dass Qualität durch Individualität entsteht.” Portugal habe einen riesigen Schatz, weil das Land jahrzehntelang politisch und wirtschaftlich abgeschottet gewesen sei. Dadurch habe es seine Kultur der alten Reben erhalten können. “Ich liebe autochthone Sorten, alte Reben und Mischsätze”, bekennt Niepoort. Mischsatz – also verschiedene Rebsorten, die gemeinsam in einem Weinberg gepflanzt sind – galt lange als minderwertig. Seit einigen Jahren aber (mit Österreich und speziell dem Wiener Gemischten Satz als Vorbild) erlebt er eine Renaissance. ”Dadurch, dass die Trauben bei der Lese einen unterschiedlichen Reifegrad haben, entsteht ein interessanterer Wein”, findet Niepoort. Bei jungen Reben, die noch keine 20 Jahre alt sind, kommt der Rebsortencharakter deutlicher heraus und ist insofern wichtiger als das Terroir. Bei alten Reben von 60, 80 oder gar 100 Jahren ist dagegen der Boden, in dem sie wurzeln, der dominante Faktor.

Biodynamie und die Weisheit des Alters

Dirk van der Niepoort macht eigenwillige Weine, die vielleicht nicht jeder sofort versteht – aber seine Firma ist das erfolgreichste Weinunternehmen in Portugal. Insgesamt verfügt es über 85 Hektar Rebfläche in den drei besten Weinbaugebieten des Landes, die alle ganz unterschiedliche Weinstile hervorbringen: 62 Hektar in der DO Douro mit Schieferböden, 14 Hektar in der DO Bairrada mit Kalkböden und 10 Hektar in der DO Dão mit Granitböden. Seit 30 Jahren arbeitet Niepoort biologisch, verwendet keine Chemie im Keller, nur etwas Schwefel für die Haltbarkeit. Seine Weinberge in den Regionen Bairrada und Dão bewirtschaftet er sogar biodynamisch und stellt jetzt auch die Flächen im Douro entsprechend um. “Biodynamie ist keine Technik, sondern eine Lebenseinstellung”, betont er.

Dirk van der Niepoort in Neustadt an der Weinstraße (Foto: www.kgp.de)
Auch nach seinem Vortrag beantwortete der portugiesische Kultwinzer die Fragen des interessierten Publikums. (Foto: www.kgp.de)

Die besten Trauben, so schildert er, kommen gar nicht aus seinen eigenen Weinbergen, sondern von den alten Bauern, deren Lesegut er zukauft: “Diese alten Menschen arbeiten biodynamisch, wissen das aber gar nicht und nennen es nicht so. Sie haben von der Natur gelernt, kultivieren ihre Trauben im Einklang mit der Umwelt und den Mondphasen und denken nicht so viel nach. Sie wissen aus ihrer Erfahrung, welche Lagen für welche Rebsorten am besten geeignet sind.” Durch die alten Reben, die perfekten Parzellen und die alten, erfahrenen Bauern, die sie pflegen, erreicht Niepoort, dass seine Weine so finessenreich sind und für ihre Herkunft so moderate Alkoholwerte haben. Das ist sein Credo: nicht immer alles kontrollieren wollen, zuhören, der Natur und den Weinen Freiraum geben, damit sie sich entwickeln können – “weniger ist mehr”.

Der Visionär denkt und plant in 20-Jahres-Schritten; das kann nicht jeder in seinem Umfeld nachvollziehen. “Die Kollegen haben mich oft für verrückt erklärt – aber zehn Jahre später machen sie dann das nach, was ich getan habe”, erklärt Niepoort und fügt hinzu: “Weil es gut und richtig ist.”

Nach einer gastronomischen Ausbildung, die mich an den Wein heranführte, studierte ich zunächst Tourismusbetriebswirtschaft und war danach über 15 Jahre in den Bereichen Kommunikation, Weiterbildung und Veranstaltungsmanagement tätig. Parallel bildete ich mich nebenberuflich in Weinfachkunde und Sensorik fort und begann mit der professionellen Weinbeurteilung. Seit 2011 schreibe ich hauptberuflich über Wein und bringe nun meine Kompetenz und Erfahrung mit Freude bei Vicampo ein.

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