Heiliger Wein – Höllisch gut?

Das Verhältnis von Wein und Kirche

– Weine & Winzer

Wein ist eine himmlische Alltagsfreude, die dem Erdling so manch grauen Tag aufhellen kann und schöne Sommerabende erst so richtig perfekt macht. Wein wächst auf grünen Bergen, ist von der Sonne geküsst und vom Regen bereichert. Ein echtes Naturprodukt – das kann ja gar nicht Sünde sein – oder?

Der Mai schenkte uns einen Feiertag nach dem anderen und nicht wenige davon waren kirchlich. Auch morgen steht wieder ein christlicher Feiertag ins Haus und ermöglicht uns in manchen Teilen Deutschlands einen freien Tag, der gerne mit gutem Essen und einem schönen Riesling oder Spätburgunder genossen wird. Grund genug sich mal genauer anzusehen, was die Bibel zum Thema Weingenuss zu sagen hat. Eine ganze Menge, so viel ist klar! Einige wissbegierige Forscher zählten sage und schreibe 513 Stellen, an denen sich die Bibel mit dem Thema Wein beschäftigt. Viele Geschichten und Gleichnisse aus dem Heiligen Buch wären ohne den Saft aus der Traube gar nicht erzählbar und das gilt nicht nur für die christliche Bibel, sondern auch für viele Teile der Thora und des Korans. Doch die Meinungen zur Auslegung dieser Texte variieren stark. Es gibt Klöster, die ihren eigenen Wein anbauen, während sich einige christliche Strömungen dem Genuss der vergorenen Trauben komplett verwehren.

Wein als Geschenk der Natur

Hintergrundbild © sxc.hu/nafrea

In der Bibel wird der Wein als edles Nass dargestellt. So sorgt der Priester Ziba dafür, dass auch David Wein erhält. Außerdem wird der Rebsaft zu besonderen Momenten – wie etwa Hochzeiten – verschenkt und ist ein Zeichen von Reichtum. Der vergorene Saft der Trauben wird darüber hinaus in der Heiligen Schrift der Christen oftmals dazu verwendet, Armut und Sorgen vergessen zu lassen. Damit gilt Wein in dem heilgen Buch auch als Symbol der Hoffnung. In der Bibel schenkt Gott in aussichtslosen Situationen gerne Weinreben oder –trauben und auch das Paradies wird sehr genussfreundlich beschrieben. So heißt es im vierten Kapitel des Buch Joels: „An jenem Tag triefen die Berge von süßem Wein, die Hügel fließen über von Milch, und in allen Bächen Judas strömt Wasser.
Schon altjüdische Gelehrte beschrieben den Baum der Erkenntnis im Alten Testament als einen riesigen Weinstock mit goldgelben Trauben, deren Verlockung nachzugeben sei, um zur Erkenntnis zu kommen. Das Neue Testament baut reimend darauf auf, hier heißt es im Johannes Evangelium: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer an mich glaubt, der hat das Leben.

Eine der wohl bekanntesten Bibelstellen, die sich um Wein dreht, ist sicher der Moment, in dem Jesus auf einer Hochzeit Wasser in Wein umwandelt. Er erreicht das Fest zusammen mit seiner Mutter Maria zu einem Zeitpunkt, an welchem der Weinvorrat von den Gästen bereits gelehrt wurde. Auf Bitten seiner Mutter hilft Jesus aus und sorgt für hervorragenden Wein. Hier bekommt der Traubensaft den Status eines Geschenkes und zeigt, dass es als notwendige Grundlage der Festlichkeiten gilt.

Jesus selber scheint dem verführerischen Nass auch nicht abgeneigt zu sein. So wird er im Lukas-Evangelium sogar als Fresser und Weinsäufer beschimpft. Darüber hinaus ist es weithin bekannt, dass das traditionelle Abendmahl mit Wein und Brot gefeiert wird, was symbolisch für Leib und Blut Christi zählt.

Unbekannter ist dagegen, dass zu Zeiten Jesu den Verurteilten häufig Wein verabreicht wurde, um die Qualen des Tods durch Ersticken am eigenen Körper während der Kreuzigung erträglicher zu machen. Auch hier gilt in der christlichen Auffassung der Traubensaft also wieder als Hilfe in schwierigen Situationen. Auch das Pfingstfest ist im Neuen Testament geprägt vom edlen Nass. So heißt es, die Apostel seien betrunken gewesen, als der Heilige Geist über sie kam und sie plötzlich mit Menschen unterschiedlichster Sprachen kommunizieren konnten – Na, wer kennt das nicht?

Interessant ist bei alldem aber, dass Wein selten pur getrunken wurde. Dies wird im zweiten Makkabäer deutlich, wo steht, dass man Wein nicht unvermischt mit Wasser trinken soll und: „Wein mit Wasser vermischt hingegen schmeckt vorzüglich“. Wobei dieser Ratschlag wohl auch auf das unsaubere Trinkwasser jener Zeit zurückzuführen ist.

„Wein bringt viele Leute um“

Das klingt ja gut, mag man nun denken, dann kann ich jetzt also mit vollster Unterstützung der Bibel zur nächsten Weinprobe gehen. Aber Pustekuchen! Denn die Heilige Schrift warnt auch vor den Folgen des Alkoholkonsums. So heißt es, dass Wein arm macht und dafür sorgt, dass die Weisheit fern bleibt.

Schon der erste bekannte Winzer bestätigte wohl diese Sorgen. So war es Noah, der nach der erfolgreich überstandener Sintflut Wein anpflanzte. Laut des Buchs Moses soll er nach der ersten Weinprobe so betrunken gewesen sein, dass er nackt einschlief, ohne sich zuzudecken, was seinen Sohn Ham sehr belustigte. Noch immer unter Einfluss des Alkohols stehend, war der Vater am nächsten Morgen über das Verhalten seines Sohnes verärgert und sorgte dafür, dass Ham und seine Nachkommen Knechte der beiden anderen Brüder Sem und Japhet wurden.

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Wein soll in der Heiligen Schrift auch immer wieder verwendet worden sein, um andere gefügig zu machen oder zu verwirren. So heißt es, dass Jakob sich das Essen des erstgeborenen Esaus erschlich, indem er dem Vater zu viel Wein reichte. Und Richterin Judith trug dafür Sorge, dass Holofernes sich betrank, womit sie das jüdische Volk rettete.

In Jesus Sirach, einem Teil vieler katholischen Bibeln, steht sogar die direkte Warnung: „Sei nicht ein Weinsäufer, denn der Wein bringt viele Leute um.“ Und wenn dann doch getrunken wird, sollte laut diesem Teil der Bibel folgendes beachtet werden: „Beim Weingelage nörgle nicht am Nachbarn, verspotte ihn nicht, wenn er heiter ist. Sprich zu ihm kein Schmähwort und streite mit ihm nicht vor den Leuten.“ – Aber das ist sowieso Grundlagenwissen der Alltagsetikette, oder?

Himmel oder Hölle?

Ist der Weingenuss nun von der Bibel abgesegnet oder sollte man als Gläubiger lieber die Finger von dem flüssigen Gold lassen?
Wie sagt es Jesus Sirach so schön: „Wie Lebenswasser ist der Wein dem Menschen, wenn er ihn mäßig trinkt. Was ist das für ein Leben, wenn man keinen Wein hat, der doch von Anfang an zur Freude geschaffen wurde. Frohsinn, Wonne und Lust bringt Wein zur rechten Zeit getrunken.“ Und sogar Calvin, der ja bekanntermaßen kein ausgeprägter Genussmensch und Traumtänzer war, gesteht sich ein: „Unsere Natur würde sich allemal mit einem Trunk Wasser begnügen; kommt Wein hinzu, so ist dies Gottes besondere Freigebigkeit.

Bevor jetzt daraus geschlossen wird, dass die Bibel nichts gegen den Weingenuss einzuwenden hat, muss noch ein Blick auf das Thema Auslegung und Interpretation geworfen werden. Zunächst einmal ist es wichtig zu betonen, dass die Bezeichnung „Wein“ in der Bibel nicht immer mit unserem Verständnis von Wein zu übersetzen ist. So kann hier ohne weiteres auch die Rede von Most oder Traubensaft sein. Wenn in der Bibel von „trunken von Wein“ gesprochen wird, so denkt man aus heutiger Sicht sofort an den Zustand des Betrunkenseins. Doch auch diese Interpretation ist umstritten, so gibt es Theologen, die der Meinung sind, es handelt sich lediglich um eine Bezeichnung des Sich-Satt-Getrunken-Habens nach dem Genuss von Traubensaft. Die Auslegung beinhaltet, dass in der Bibel nie im positiven Sinne von alkoholischen Getränken die Rede ist. Diese Ansicht ist jedoch nicht sehr weit verbreitet und als extrem anzusehen. Das zeigt sich schon allein daran, dass Wein seit Jahrhunderten als klösterliches Urprodukt gilt. Schon im Mittelalter produzierten vielen Pfarrkirchen ihren eigenen Messwein. Thomas von Aquin, ein dominikanischer Mönch, schrieb sogar philosophische Abhandlungen zu dem Thema. Also können auch wir hier kein abschließendes Urteil abgeben!

Um es nun mit den Worten Jesus Sirach wiederzugeben:

„Der Wein, zu rechter Zeit und in rechtem Maß getrunken, erfreut Herz und Seele.“

Na dann: Prost!

 

 

Bild: © sxc.hu/Ayla87

"Aus dem hohen Norden stammend, brachte mich das Schicksal nach Mainz und stellte mir den Wein vor. Mit einer Leidenschaft für das geschriebene Wort und viel Liebe zur Natur war es ein Leichtes sich nach dem Studium in Frankfurt für die Redaktion bei Vicampo.de zu entscheiden. Hier schreibe ich über Wein und Winzer und halte Euch auf dem neuesten Stand, was in der Weinwelt vor sich geht."

Eine Antwort zu diesem Artikel

  1. Twitter: Von tollen Körpern, gutem Essen und der Liebe | Vicampo Weinmagazin

    […] verwandelte der Bibel nach Wasser in Wein und Noah war der erste bekannte Winzer (mehr dazu hier). Auch heute findet man noch reichlich Klöster, die Wein herstellen, und es gibt sogar sogar einen […]

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