Weingötter der Geschichte und heute

– Tipps & Tricks

“Oh Gott! Das letzte Glas Wein gestern war zu viel!” Dieser Ausspruch kommt dem ein oder anderen besonders nach den närrischen Tagen sicher bekannt vor. Leider kommt die Reue am Tag nach dem übermäßigen Genuss meist zu spät. Die letzte Hoffnung scheint die Bitte um göttlichen Beistand. Aber: Wer weiß denn schon, welchen Gott man am besten bemühen sollte, wenn man dem Wein mal wieder allzugern und in großzügigen Maßen zugesprochen hat?

Andere Länder – andere Sitten. Das gilt für die Welt der Weingötter wie für alles andere auch. Besonders die Antike bietet hier eine Vielfalt von Gottheiten, die im Zusammenhang mit dem Rebsaft stehen.

Bacchus
Was Bacchus wohl ins einem Becher hat? – ©flickr/MAMJODH

Als den Weingott schlechthin kennen wir den griechischen Gott Dionysos, besser bekannt auch unter dem Namen Bacchus (später mit dem römischen Bacchus identisch). Seinen Namen verdankt der Göttliche dem enormen Geräuschpegel, den sein aufdringliches Gefolge stetig begleitete (Bakchos = Rufer, Geschrei). Optisch lässt sich der meist in typischer Pose verewigte Sohn des Zeus an seinem mit Reben (manchmal auch Efeu) umrankten Thyrsosstab und dem Becher in der Hand erkennen (Was da wohl drin sein mag?). Seine Geburtslegende ist uns in verschiedenen Versionen überliefert. Die gängige Erzählung berichtet von der schönen Semele, Tochter des Kadmos, des Königs von Theben, deren Seitensprung mit Zeus als Geburtsstunde des Weinbaus in Griechenland gilt.
Seine Kultfeste, Bacchanal genannt und dem ein oder anderen sicher vom Hörensagen bekannt, waren ausgelassene Feste voller Rausch und Zügellosigkeit – so zügellos, dass der römische Senat diese ausschweifenden Festivitäten schließlich verbot. Dionysos (oder Bacchus) scheint eine vielversprechende Anlaufstelle nach einem feuchtfröhlichen Abend Bitten um Katerlinderung zu empfangen. Allerdings bleibt zu bedenken, dass er allen ihm Wohlgesinnten süßen Wein und Freude schenkt, was wohl zu weiteren Kater-Provozierenden-Bacchanalien führt.

In welchen Kandidaten kann man im akuten Fall von Weindurst noch seine Hoffnungen setzten?

Etwa Liber, eine von Bacchus abgespaltene römische Gottheit des von Sorgen und Mühen befreienden Weines? Oder doch lieber Schamasch und Hammurabi aus Babylonien? Infrage kämen auch der vergöttlichte Kaiser Probus sowie Xeisuthros und Shiwa. Vielleicht wählt der ein oder andere auch die ägyptische Göttin Hathor, in deren Zuständigkeitsbereich die Liebe, die Musik, der Tanz und die Feste fielen und der beim jährlichen „Fest der Trunkenheit“ zu Ehren krügeweise Wein geopfert und wohl auch getrunken wurde.

Wem das zu alte (und olle) Kamellen sind, der fühlt sich wahrscheinlich eher zu den heutigen Weingöttern hingezogen. Auch wenn man heute noch vom griechischen Wein singt, sollte man vielleicht die alten Götter ruhen lassen und sich den zeitgemäßen Lichtgestalten des Weins zuwenden.

Die Empfehlungen dieser zugegeben menschlichen Herrschaften können sicherlich einen Beitrag leisten, vor bösem Erwachen beim Weintrinken zu bewahren: von Michael Broadbent, einem der einflussreichsten Fachjournalisten und Weinkritiker aus England, über den Briten Hugh Johnson, Weinautor und Redakteur, der unter anderem den World Atlas of Wine (1971) publizierte bis zum französischen Kritiker Michel Bettane.
Auch Stuart Pigott, britischer Weinkritiker, Autor und dazu einer der besten Kenner deutscher Weine und José Peñin, verantwortlich für den bedeutendsten Weinführer spanischer Weine sowie der amerikanische Weinkritiker und Autor Stephen Tanzer reihen sich in die Riege der rezenten Weingötter. Zu den wichtigsten Weinkritikern in Deutschland zählen neben Gerhard Eichelmann, deutscher Weinkritiker und Verleger, auch Mario Scheuermann, Fachautor und Mitbegründer des deutschen Weinjournalismus, und Till Ehrlich, Weinkritiker und Autor, der für verschiedenste Fachzeitschriften und Tageszeitungen schreibt.

Ob man nun Bettane, Peñin, Pigott, Tanzer, Scheuermann oder Eichelmann und wie sie sonst noch alle heißen, als anbetungswürdig erachtet, ein Stern strahlt immer heller:

Was für die Vergangenheit der Weingott Bacchus ist, das ist Robert Parker für die Gegenwart. Die einen sehen sein Bewertungssystem mit 100 möglichen Punkten kritisch, für die anderen ist es DAS Kaufargument. Das international anerkannte System ist ein maßgeblicher Faktor zur Preisbildung – und Robert Parker demnach ein mächtiger Mann.

Abschließend bleibt jedoch festzuhalten, dass Wein ein göttliches Getränk ist, dessen göttlicher Genuss jedem offen steht.
Und auch wenn der Ursprung der Redewendung “Leben wie Gott in Frankreich” (der übrigens nur in Deutschland so gebraucht wird) nicht geklärt ist, so scheint er in der Zeit der Französischen Revolution zu liegen. Hier wurde Gott “abgesetzt” und an seiner Stelle die Vernunft gefeiert. Wer also mit Vernunft und in Maßen genießt und sich an einem schönen Glas Wein erfreut, der kann sich selbst wie ein Weingott fühlen.

Titelbild: © pixabay/pegasuspuzzles

"Wer in dem Weinstädtchen Hochheim aufwächst, kommt zwangsläufig und häufig mit Wein in Kontakt - auch wenn ich Rotwein dem Rheingauer Riesling vorziehe, hat sich diese Bindung bis heute vervielfacht. Wein, das “fast-Hobby”, für das man nie genügend Zeit hat, wird mit einem Praktikum bei Vicampo belebt. Mittlerweile habe ich, in Teilzeit promovierende Ägyptologin, meinen Arbeitsschwerpunkt von der Wüste in die Welt der Weine verlegt und grabe hier nach Wissenswertem rund um den Rebsaft."

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